Klappentext:
Quelle: Loewe Graphix
Rezension:
Elinor und Marianne Dashwood könnten unterschiedlicher kaum sein: Während Elinor sehr besonnen ist und sich von Gefühlen nicht so leicht den Kopf verdrehen lässt, ist Marianne impulsiv und träumt von der romantischen Liebe. Doch als ihr Vater verstirbt, stehen die beiden Schwestern fast mittellos da. Zusammen mit ihrer kleinen Schwester und ihrer Mutter müssen sie ihr Zuhause verlassen und in ein kleines (deutlich bescheideneres) Cottage ziehen. Kurz nach ihrem Einzug trifft Marianne auf den attraktiven Mister Willoughby und verliebt sich Hals über Kopf in ihn. Zunächst scheint es, als hätte Marianne das große Los gezogen, doch dann stellt sich heraus, dass ihr Schwarm mit einer reichen Erbin verlobt ist. Elinor wiederum muss erfahren, dass ihr Verehrer bereits einer anderen Frau die Ehe versprochen hat. Die beiden Schwestern sind untröstlich, aber sie verlieren nicht die Hoffnung und geben sich gegenseitig Halt. Ob sie wohl noch ihr Glück finden werden?
Bei Comic-Adaptionen von Klassikern werde ich immer sofort hellhörig. Ich habe nun schon einige wirklich schöne gelesen, darunter auch Werke von Jane Austen wie die ersten beiden Graphic Novels von Claudia Kühn und Tara Spruit („Stolz und Vorurteil“ und „Emma“). Auf die dritte Comic-Umsetzung der beiden war ich dementsprechend sehr gespannt. Das Cover ist schon mal ein echter Blickfang, mich konnte es direkt verzaubern. Bei der linken Person habe ich allerdings im ersten Moment angenommen, dass sie ein Mann sei. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um Elinor, die anachronistisch mit einer Kurzfrisur dargestellt wird. Dies mag historisch vielleicht nicht korrekt sein und hat mich zunächst etwas irritiert, aber es hilft definitiv dabei, die Schwestern besser voneinander zu unterscheiden. Bei den anderen Charakteren ist es bisweilen etwas schwieriger – manche sehen sich schon ziemlich ähnlich. Zum Glück gibt es vorne im Buch aber eine Figurenübersicht, die bei der Orientierung helfen kann.
Bis auf diese kleinen Schwächen kann die Graphic Novel optisch aber vollends überzeugen. Mit ihren stimmungsvollen und detailverliebten Illustrationen fängt Tara Spruit die Atmosphäre der frühen Regency-Zeit gekonnt ein. Ihre Bilder entführen uns in idyllische Landschaften und prachtvolle englische Anwesen, gedeckte Farben sorgen für einen herrlichen passenden Retro-Vibe. Die Darstellung der Figuren ist wundervoll ausdrucksstark, sodass die Mimik die Emotionen perfekt transportiert und Worte oft gar nicht vonnöten sind.
Die Textmenge ist insgesamt recht überschaubar, aber Claudia Kühn ist es dennoch gelungen, den umfangreichen Roman in einen kompakten Comic umzuwandeln, ohne dass Austens einzigartiger Stil verloren geht. Die Graphic Novel bleibt der literarischen Vorlage erfreulich treu. Natürlich mussten viele Stellen sehr gekürzt werden, aber die wichtigsten Elemente sind enthalten und auch Neulinge sollten der Handlung folgen können. Die einfühlsame und mitreißende Geschichte über Liebe, Familie, Verrat und Selbstbestimmung zieht einmal mehr direkt in den Bann, lässt einen mitfühlen und mitfiebern und tief in die Welt der Dashwood-Schwestern eintauchen. Elinor und Marianne sind zwei überaus starke weibliche Protagonistinnen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die eine vernünftig und zurückhaltend, die andere leidenschaftlich und voller Gefühl. Beide sind sie aber unsterblich verliebt und geben trotz Stolpersteine nicht auf. Die Mischung aus Romantik, Hoffnung und feinen, leisen Zwischentönen ist einfach zeitlos und begeistert sicherlich auch Leser*innen von modernen Liebesgeschichten.
Fazit: „Verstand und Gefühl“ ist eine gelungene und liebevoll gestaltete Comic-Adaption, die den Charme des Originals wunderbar einfängt. Ein zeitloser Klassiker im neuen Gewand zum Neu- und Wiederentdecken. Romantisch, atmosphärisch, unterhaltsam. Claudia Kühn und Tara Spruit haben mich auch mit ihrer dritten Jane-Austen-Neuinterpretation begeistern können, für mich ist sie sogar mein neuer Favorit. Von mir gibt es 4,5 – hier gerundet auf 5 von 5 Sternen.
Vielen lieben Dank an den Loewe Verlag für das Rezensionsexemplar!





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